Psychotherapie
Anlässe und Beschwerdebilder
Woran erkenne ich, ob mein Kind Hilfe braucht? Diese Frage stellen sich Eltern meist lange, bevor sie zum Hörer greifen. Auf dieser Seite finden Sie die zwölf häufigsten Anlässe – und Hinweise darauf, wann Abwarten sinnvoll ist und wann nicht.
Zwölf Anlässe
Wann eine Psychotherapie für Kinder und Jugendliche sinnvoll ist
Die folgenden zwölf Anlässe machen den größten Teil dessen aus, womit Familien in diese Praxis kommen. Zu jedem finden Sie, woran Sie ihn erkennen, ab wann er behandlungsbedürftig wird und wie die Arbeit daran aussieht.
Ängste, Schulangst und Schulvermeidung
Woran Sie es erkennen: Körperliche Beschwerden ohne Befund, wachsende Fehltage, Sonntagabend als schwerster Moment.
Der Sonntagabend wird zum schwersten Moment der Woche, morgens kommen Übelkeit und Herzrasen dazu, und irgendwann bleibt Ihr Kind ganz zu Hause. Was von außen wie Verweigerung aussieht, ist fast immer Angst – vor einer Prüfungssituation, vor der Klasse, vor dem Versagen oder vor der Trennung von zu Hause. Entscheidend ist der Faktor Zeit: Mit jeder Woche Fehlzeit wächst die Hürde für die Rückkehr, und gleichzeitig sinkt die Angst kurzfristig jedes Mal, wenn das Kind zu Hause bleiben darf. Genau dieser Mechanismus hält das Problem am Leben. In der Behandlung planen wir den Wiedereinstieg in Etappen, die Ihr Kind vorher kennt und mitentschieden hat, und binden Klassenleitung oder Schulsozialarbeit ein, sobald Sie das freigeben.
Depression und Antriebslosigkeit bei Jugendlichen
Woran Sie es erkennen: Gereiztheit statt Traurigkeit, Rückzug ins Zimmer, Hobbys schlafen ein.
Eine Depression im Jugendalter sieht anders aus als bei Erwachsenen: statt Traurigkeit oft Gereiztheit, statt Klagen eher Schweigen. Auffällig wird meist erst, dass Verabredungen ausbleiben, Hobbys still einschlafen und das Zimmer zum einzigen Ort wird, an dem es auszuhalten ist. Der Unterschied zur normalen Pubertät liegt in der Dauer und darin, dass auch Dinge, die früher Freude gemacht haben, nichts mehr auslösen. Weil Antrieb sich nicht herbeireden lässt, beginnen wir mit dem Tagesablauf: kleine, machbare Aktivitäten, die wieder Erfolgserlebnisse ermöglichen. Erst wenn dieser Boden wieder trägt, arbeiten wir an den Überzeugungen darunter – etwa daran, nicht zu genügen oder allen zur Last zu fallen.
ADHS, Konzentrations- und Impulsprobleme
Woran Sie es erkennen: Schwierigkeiten in Schule und zu Hause gleichzeitig, seit Jahren, nicht erst seit letztem Sommer.
ADHS ist keine Frage der Lautstärke: Es gibt Kinder, die den Unterricht durcheinanderbringen, und es gibt Kinder, die still am Fenster sitzen und trotzdem nichts mitbekommen – der zweite Typ wird häufig jahrelang übersehen. Am Anfang steht deshalb eine sorgfältige Diagnostik mit standardisierten Fragebögen für Eltern und Schule, damit klar wird, ob die Schwierigkeiten wirklich situationsübergreifend auftreten oder ob etwas anderes dahintersteckt. In der Behandlung geht es um Struktur, die Ihr Kind selbst bedienen kann, um den Umgang mit Frust, wenn etwas nicht sofort gelingt, und um Selbstwert: Kinder mit ADHS hören täglich, was sie falsch machen, und übernehmen diese Sicht irgendwann. Wenn eine medikamentöse Behandlung im Raum steht, stimme ich mich mit der behandelnden kinderärztlichen oder kinderpsychiatrischen Praxis ab.
Aggressives Verhalten und Wutausbrüche
Woran Sie es erkennen: Regelmäßige Eskalation, danach Reue, Familie in Dauer-Alarmbereitschaft.
Familien, in denen es regelmäßig eskaliert, leben in ständiger Alarmbereitschaft – und das Kind selbst leidet meist am stärksten darunter, auch wenn es das nicht zeigt. Wutausbrüche sind selten das eigentliche Thema; darunter liegen fast immer Überforderung, Angst oder das Gefühl, nicht gehört zu werden. Wir arbeiten deshalb an zwei Seiten gleichzeitig: Ihr Kind lernt, die Anspannung früher zu bemerken und andere Wege zu nutzen, bevor der Punkt ohne Wiederkehr erreicht ist. Mit Ihnen schauen wir auf die Situationen, die verlässlich zur Eskalation führen, und darauf, welche Reaktionen die Lage beruhigen und welche sie ungewollt anheizen. Es geht nicht darum, wer schuld ist, sondern darum, den Kreislauf zu unterbrechen.
Essstörungen: Magersucht, Bulimie und Essanfälle
Woran Sie es erkennen: Essen folgt Regeln, Mahlzeiten mit anderen werden gemieden, Gewicht bestimmt die Stimmung.
Der Anfang wirkt harmlos und wird im Umfeld oft sogar gelobt: gesünder essen, mehr Sport, das Frühstück weglassen. Kritisch wird es, wenn Essen zunehmend Regeln folgt, Mahlzeiten mit anderen vermieden werden und Gewicht oder Figur bestimmen, wie ein Tag bewertet wird. Frühzeitige Behandlung ist hier besonders wichtig, weil sich Denkmuster und Körperbild mit der Zeit verfestigen und sich später deutlich schwerer verändern lassen. Die Therapie läuft immer gemeinsam mit einer ärztlichen Praxis, die Gewicht und Blutwerte kontrolliert – das ist keine Formalie, sondern Voraussetzung für eine sichere ambulante Behandlung. Bei akuter körperlicher Gefährdung reicht die ambulante Behandlung nicht aus; dann helfe ich Ihnen, den passenden Weg zu finden.
Selbstverletzendes Verhalten und Suizidgedanken
Woran Sie es erkennen: Verletzungen an Armen oder Oberschenkeln, lange Ärmel bei Wärme, Rückzug nach Streit.
Für Eltern ist die Entdeckung ein Schock, verbunden mit der Frage, ob das ein Suizidversuch war. In den allermeisten Fällen ist es das nicht: Selbstverletzung ist meist der Versuch, eine unerträgliche innere Anspannung zu beenden, weil andere Wege dafür fehlen. Sie wirkt kurzfristig – und genau deshalb wiederholt sie sich. In der Therapie bauen wir diese anderen Wege auf und schauen uns an, welche Situationen die Anspannung erzeugen. Wenn Sie Verletzungen entdecken: Reagieren Sie ruhig, ohne Ultimaten und ohne Durchsuchungen, und holen Sie sich Unterstützung – die Beziehung zu Ihnen ist der wichtigste Schutzfaktor, den Ihr Kind hat. Bei akuter Gefahr warten Sie nicht auf einen Termin, sondern nutzen die Notfallnummern am Ende dieser Seite.
Traumafolgestörungen nach Unfall, Gewalt oder Flucht
Woran Sie es erkennen: Schlafstörungen, Schreckhaftigkeit und Vermeiden über Wochen nach einem Ereignis.
Nach einem einschneidenden Ereignis reagieren fast alle Kinder zunächst heftig – das ist eine normale Reaktion auf etwas Unnormales, keine Störung. Die meisten erholen sich mit der Unterstützung ihrer Familie innerhalb einiger Wochen wieder. Behandlungsbedürftig wird es, wenn Schlafstörungen, Schreckhaftigkeit, aufdrängende Bilder oder ausgeprägtes Vermeiden über Wochen bestehen bleiben oder wenn Ihr Kind Orte, Menschen und Gespräche meidet, die an das Ereignis erinnern. In der Behandlung steht am Anfang nicht das Erlebte, sondern Sicherheit: Ihr Kind lernt zuerst, sich selbst zu beruhigen und im Hier zu bleiben. Erst wenn das verlässlich gelingt, nähern wir uns dem Geschehen – in einem Tempo, das Ihr Kind bestimmt, und nie überraschend.
Zwänge und Tics
Woran Sie es erkennen: Rituale kosten Zeit, Familie trägt sie mit, Widerstand erzeugt Panik.
Zwänge kosten Zeit, und sie ziehen die Familie mit hinein: Irgendwann kontrollieren Eltern mit, geben Rückversicherung oder passen den Tagesablauf an, um Streit zu vermeiden. Verständlich – aber jede dieser Hilfen bestätigt dem Kind, dass die Befürchtung berechtigt war. Der Behandlungsweg besteht im Kern darin, die Anspannung auszuhalten, ohne dem Drang nachzugeben, und dabei zu erleben, dass das Befürchtete ausbleibt. Das üben wir in kleinen Schritten und immer abgesprochen, nie überfallartig. Bei Tics gilt eine andere Regel: Aufmerksamkeit, Ermahnungen und der gut gemeinte Hinweis, es zu lassen, verstärken sie meist. Auch dafür gibt es gut untersuchte Verfahren, bei denen es um Wahrnehmung und alternative Bewegungen geht.
Reaktionen auf Trennung, Umzug oder Verlust
Woran Sie es erkennen: Trauer in Wellen, Rückschritte in der Entwicklung, Verhalten statt Worte.
Kinder trauern in Wellen: Zwischen zwei Ausbrüchen spielen sie ausgelassen, und Eltern schließen daraus, dass es ihnen gut geht. Ausgedrückt wird die Belastung häufiger über Verhalten als über Worte – über Wut, Anklammern, Bauchschmerzen oder Rückschritte in der Entwicklung. Ein Sechsjähriger, der nach der Trennung wieder einnässt, fällt nicht zurück, sondern reagiert. In den ersten Wochen und Monaten braucht es dafür keine Therapie, sondern Verlässlichkeit, ehrliche Antworten in kindgerechter Sprache und die Erlaubnis, beide Elternteile lieb zu haben. Wenn die Belastung über Monate bleibt, Ihr Kind sich völlig verschließt oder Schule und Freundschaften darunter leiden, ist Unterstützung von außen sinnvoll.
Mobbing und soziale Ängste
Woran Sie es erkennen: Sachen gehen ständig verloren, Bauchschmerzen an Schultagen, Rückzug von allen Kontakten.
Kaum ein Kind erzählt von sich aus, dass es ausgeschlossen wird. Dahinter stehen Scham und die berechtigte Sorge, dass Einmischung die Lage verschlimmert. Aufmerksam werden sollten Sie bei Dingen, die plötzlich ständig verloren gehen oder kaputt sind, bei Bauchschmerzen ausgerechnet an Schultagen und beim Rückzug aus allen Kontakten, auch den früher guten. Soziale Ängste können Folge von Mobbing sein, aber auch unabhängig davon bestehen – dann ist es die Angst vor Bewertung, die den Kontakt blockiert. In der Therapie stärken wir das Selbstbild Ihres Kindes, üben konkrete Situationen und überlegen gemeinsam, welche Schritte an der Schule wirklich helfen. Entschieden wird das mit Ihrem Kind, nicht über seinen Kopf hinweg.
Schlafstörungen und Einnässen
Woran Sie es erkennen: Häufig, gut behandelbar, stark schambesetzt – körperliche Ursachen zuerst ausschließen.
Beides ist im Kindesalter häufig, beides ist gut behandelbar, und beides ist mit Scham besetzt – für das Kind und oft auch für die Eltern. Der erste Schritt gehört deshalb in die kinderärztliche Praxis, um körperliche Ursachen auszuschließen. Danach arbeiten wir mit klaren, immer gleichen Abläufen am Abend, mit dem Abbau von Druck und mit Methoden, die Ihr Kind selbst anwenden und beeinflussen kann. Was nachweislich nicht hilft: Bestrafung, Trinkverbote am Abend und nächtliches Wecken nach Plan – sie erhöhen die Anspannung und verschlechtern die Lage meist. Bei Schlafproblemen lohnt außerdem der Blick auf den Tag davor: Bildschirmzeit, Bewegung und Sorgen, die abends im Kopf laut werden.
Mediennutzung, Gaming und exzessive Bildschirmzeit
Woran Sie es erkennen: Schule, Schlaf und Freundschaften leiden, Entzug löst massive Gereiztheit aus.
Stundenlanges Spielen allein ist noch keine Sucht, und die Diskussion über Bildschirmzeit ist in fast jeder Familie ein Dauerthema. Kritisch wird es, wenn Schule, Schlaf und Freundschaften darunter leiden, wenn Ihr Kind ohne Spiel massiv gereizt reagiert und wenn andere Interessen vollständig verschwinden. Wichtiger als die Stundenzahl ist die Funktion: Sehr oft ist der Bildschirm nicht die Ursache, sondern der Ausweg – aus Langeweile, aus Angst vor der Schule oder aus dem Gefühl, offline nirgends dazuzugehören. Deshalb schauen wir zuerst, wovor er schützt, und erst danach über Regeln. Regeln, die dieses Bedürfnis übergehen, halten in der Praxis selten länger als zwei Wochen.
Einordnung
Phase oder Symptom?
Fast alles, was auf dieser Seite steht, kommt in abgeschwächter Form in jeder Kindheit vor. Der Unterschied liegt selten im einzelnen Verhalten, sondern in vier anderen Fragen. Je mehr davon Sie mit Ja beantworten, desto eher lohnt der fachliche Blick.
Dauer
Besteht es seit mehreren Wochen oder Monaten – statt nur tageweise aufzutreten?
Einzelne schlechte Tage gehören dazu. Auffällig wird es, wenn ein Zustand nicht mehr von selbst kippt.
Ausmaß
Leiden Schule, Schlaf, Freundschaften oder das Familienleben spürbar darunter?
Entscheidend ist nicht die Schwere des Verhaltens, sondern wie viele Lebensbereiche es erreicht hat.
Leidensdruck
Leidet Ihr Kind selbst – oder nur das Umfeld?
Beides ist ein Grund für ein Gespräch, verlangt aber unterschiedliche Wege in der Behandlung.
Entwicklung
Fällt Ihr Kind hinter etwas zurück, das es vorher schon konnte?
Rückschritte nach Belastungen sind normal. Halten sie über Monate an, lohnt der fachliche Blick.
Schon ein Ja genügt Sie müssen nicht alle vier Fragen bejahen, und es gibt keine Punktzahl, ab der eine Behandlung nötig wird. Wenn Ihnen bei einer dieser Fragen etwas einfällt, das Sie seit Wochen beschäftigt, ist ein Gespräch sinnvoll. Es verpflichtet Sie zu nichts – und eine fachliche Einschätzung ist auch dann etwas wert, wenn am Ende keine Therapie steht.

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